Von Gender-Sternchen und Unterstrichen

Gendersprache

Deutsch, einst Sprache der Dichter und Denker, droht zum Code der maximal politisch Korrekten zu verkommen. Eigentlich war alles klar – von der Biologie bis zur Theologie. Es gibt zwei Geschlechter – Mann und Frau – und selten medizinische Anomalien, die die geschlechtliche Zuordnung nicht ganz so offensichtlich machen. Doch genauso, wie man jemanden, der vielleicht sogar von Geburt an mehr oder weniger als fünf Finger an einer Hand hat, mit vollem Respekt behandeln würde und dennoch feststellen, dass eine Hand jenseits von Anomalien, Krankheiten oder Unfällen einfach fünf Finger hat, so ändert auch die seltene Intersexualität, geschweige denn Transsexualität nichts daran, dass es zwei Geschlechter gibt: eben Männer und Frauen.
Nun hat im vergangenen Jahr das Bundesverfassungsgerichts in einem Urteil entschieden, dass im Geburtenregister neben „männlich“ und „weiblich“ eine dritte Option geschaffen werden soll. Im deutschen Recht besteht eine Binarität der Geschlechter somit schon heute nicht mehr, was die Gesamtdebatte zum Thema verschärft hat. Am heutigen Freitag werden nun die Rechtschreibexperten des in Mannheim beheimateten ‚Rates für deutsche Rechtschreibung‘ bei einer Tagung in Passau voraussichtlich Empfehlungen zum geschlechtergerechten Schreiben geben.

Hierbei werden im Wesentlichen Varianten wie die mit dem Sternchen, dem sogenannten „Asterisk“, wie im Wort „Schüler*in“ oder mit dem Tiefstrich, dem sogenannten „Gendergap“, wie bei „Schüler_in“ diskutiert werden. Bei seiner Sitzung im Juni in Wien war der Rat für deutsche Rechtschreibung übereingekommen, dass geschlechtergerechte Sprache verständlich, lesbar, vorlesbar, grammatisch korrekt sowie eindeutig und rechtssicher sein soll. Eine Variante, die jetzt schon verstärkt praktiziert werde, sei die Verwendung geschlechtsneutraler Begriffe wie „Studierende“ statt „Studenten und Studentinnen“ oder „Lehrperson“ statt „Lehrer“.

Es sei auch zu unterscheiden, um welche Art Text es sich jeweils handele, sagt der Vorsitzende des Rates, Josef Lange. Bei einem Gesetzes- oder Verwaltungstext gebe es andere Maßstäbe als bei einem journalistischen oder literarischen Text. Eine klare Tendenz, wie durch Orthografie die Schreibung geschlechtergerecht gestaltet werden könne, hatten die Experten seinerzeit bei ihrer Tagung im Juni noch nicht ausmachen können.
Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und ebenso neues Mitglied im Rat der deutschen Rechtschreibung, erklärt, dass bestimmte Gruppen von Menschen auch in sprachlicher Hinsicht deutlicher erkennbar werden wollen. Sprache werde als ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen gesehen. „Insofern hat die Frage nach der geschlechtergerechten Personenbezeichnung eine Art Symbolcharakter erhalten, die etwas überhöht diskutiert wird“, wie auch Henning Lobin einräumt.

Ein scharfer Kritiker von Schreibweisen mit Sternchen oder Tiefstrich ist der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Eisenberg war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam mit dem Spezialgebiet „Deutsche Grammatik“. Seine Beurteilungen zur deutschen Sprache haben Gewicht: Eisenberg war von 1990 bis 1992 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft. 1998 wurde Eisenberg von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als Mitglied hinzugewählt.

Zudem hatte er zahlreiche internationale Gastprofessuren inne: Unter anderem in Peking (1988/89, 2000), Kairo (1995), Tiflis (1997), Paris (1998), Teheran (2000) und nach seiner Emeritierung im Jahre 2005 auch in Bangkok (2006).

Nach Eisenbergs Ansicht ist besonders der Asterisk ein sprachfremdes Element. Er fürchtet, dessen Einführung in der Behördensprache sei nur ein erster Schritt. „Jetzt wird er toleriert, in zwei bis drei Jahren akzeptiert und dann heißt es: ‚Warum kommt er nicht auch in Schulbücher?'“ Peter Eisenberg spricht sicherlich ganz zu Recht von einer bedrohlichen Entwicklung, die von geschlossenen Zirkeln gewaltig vorangetrieben werde.
Die Schreibweise „Lehrer*in“ sei genau genommen auch nicht gerecht, fügt Eisenberg an. Nicht nur, weil die männliche vor der weiblichen Form stehe, sondern weil sich sämtliche andere Geschlechtsidentitäten „hinter dem Sternchen verstecken“ müssten. „Ich habe immer für die Gleichberechtigung der Frau gearbeitet“, so Eisenberg. Eingriffe in die deutsche Sprache seien dafür jedoch nicht notwendig. „Das Deutsche kann alles, was man von ihm verlangt.“

Eisenberg verweist darauf, dass der Begriff „Richter“ im Sinne des generischen Maskulinums für die Berufsgattung stehe und nicht für die männliche Form. Als Beispielsatz formuliert er: „In Berlin sind 60 Prozent der Richter Frauen“ – und eben nicht „60 Prozent der Richterinnen“.

Für Eisenberg – und auch für uns in der Blauen Wende – ist klar: Niemand darf zu Gendersprache gezwungen werden. „Das“, so Peter Eisenberg, „wäre das Ende des freien Sprachgebrauchs.“