Contra-Cyberattacken: Woher nimmt die Regierung ihre Zuversicht?

Auf einem am Montag stattgefundenen Symposium des Verfassungsschutzes warfen Vertreter von Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz Ideen auf, bei Cyber-Attacken künftig nicht mehr nur präventiv zu reagieren, sondern zurückzuhacken. Auch Hans-Georg Maaßen, Verfassungsschutzpräsident, äußerte sich zustimmend. Computer, von denen Angriffe zu erwarten seien, müssten im Vorfeld bereits so geschädigt werden, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausgehen könne.

MdL Andrea Kersten (Blaue Partei), bildungspolitische Sprecherin der Blauen Gruppe im Sächsischen Landtag, kommentiert:

„Im neuen, erst am Montag veröffentlichten MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik)-Bericht der Arbeitgeberverbände steht Verehrendes: Unserem Land fehlen etwa 315.000 Informatiker, doppelt so viele wie vor drei Jahren. Auch die Bundesagentur für Arbeit benennt einen Fachkräftemangel bei Experten für Digitales, Programmierung oder Softwareentwicklung. Doch genau diese wären es, die sich beim digitalen Gegenangriff in die Bresche schlagen müssten. Computer angreifen, Codes umschreiben, Sicherheitsbarrieren umgehen und Spuren verwischen sind keine Aufgaben für Computersüchtige in stickigen Hinterzimmern, sondern für Fachleute. Sollen beim virtuellen Großangriff dann eventuell indische IT-Experten zum Zuge kommen? Gerade im Hinblick auf geheimdienstliche Daten halte ich das für äußerst bedenklich. Zudem: Eine Anstellung im Staatsdienst kann gegen die prestigeträchtigen und höher bezahlten Jobs in der Industrie nur schwer mithalten. Wer ein Meister seines Fachs ist, landet eher bei den internationalen Technologie-Giganten. Es darf bezweifelt werden, dass sich genügend Aspiranten für ein Projekt dieses Ranges finden dürften.

Der Fall zeigt aber auch exemplarisch, welchen technologischen Stellenwert Deutschland inzwischen besitzt. Unser Land war einst Vorreiter bei technischen Meilensteinen, erstklassigen Ingenieursleistungen und innovativen Patenten. Es hätte genau diese Eigenschaften dazu benutzt, vorausschauend Wege zu entwickeln, dass es zu Cyberattacken nicht mehr kommt. Trotz der politisch gewollten Akademisierungswelle hat sich die Bildungselite der Republik allerdings nicht mit den so wichtigen MINT-Abschlüssen bereichert. Ganz im Gegenteil: Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften nehmen größten Raum ein. Um diesen Missstand halbwegs ausgleichen zu können, benötigt die Industrie ausländische Fachleute. Ohne die sähe es noch düsterer aus.

Woher also nehmen Politik und Geheimdienste ihre Zuversicht, dass Deutschland Angriffen auf die Kommunikationsstruktur mit Gegenschlägen beantworten könnte, wenn es dafür keinen ausreichenden Fachleutepool gibt? Es ist bedauerlich, dass Verantwortliche das Heil eher in der Reaktion, statt der Prävention suchen.“