Vatertag vs. Christi Himmelfahrt – Gedanken zu zwei „Feier“tagen.

Zum Vatertag

Seit über 100 Jahren ist Müttern in der westlichen Welt ein eigener Feiertag gewidmet. Ausgehend von den USA wurde der „Muttertag“ so zu einem festen Bestandteil der europäischen Kultur.

Auch der „Vatertag“ hat mittlerweile Tradition – zumindest in Deutschland und einigen anderen (deutschsprachigen) Ländern. Im Vergleich zum Muttertag ist der eingeschränkte Verbreitungsgrad aber bei weitem nicht der einzige Haken am Vatertag.
Sein erstes großes Manko ist, daß er keinen eigenen Tag bekommen hat, sondern seit jeher mit Christi Himmelfahrt zusammenfällt. Jedes Jahr, ausnahmslos. Christi Himmelfahrt orientiert sich an Ostern und Pfingsten – und der Vatertag an Christi Himmelfahrt. Damit ist dann auch gleich die Rangfolge klar. Wo sich der kirchliche Feiertag niederläßt, sitzt der weltliche prompt daneben. Man wird einander schlicht nicht los.

Nun könnten sich zwei Feiertage, die zusammenfallen, auch ergänzen und damit gegenseitig aufwerten – im Falle dieser beiden scheitert das jedoch oftmals daran, daß sich die beiden Feiertage schlicht nichts zu sagen haben. Nüchtern gesehen konterkarikieren sie einander sogar, weil sie einfach nicht zusammenpassen – und das hängt wiederum mit dem zweiten großen Manko des Vatertags zusammen:

Während man sich am Muttertag mit Blumen, einem gedeckten Frühstückstisch oder anderen kleinen Geschenken bei der Mama bedankt und ihr symbolisch ein wenig von all der Liebe zurückgibt, die sie das ganze Jahr über verteilt, ziehen die Väter am Vatertag wenig kreativ in Gruppen los und frönen dem Alkohol. Bier und Bollerwagen haben Hochkonjunktur, und der Handel wirbt mit entsprechenden Angeboten.
Tatsächlich würde der zarte, leise, sanfte Muttertag (an dem sich die Mutter gerade nicht ins Zimmer einschließt oder mit ihren Freundinnen ins Kino geht, um sich von ihren Familienpflichten zu erholen) deutlich besser zu Christi Himmelfahrt passen als der laute, polternde „Vatertag“, an dem sich Männer fern der Familie gegenseitig die Bierdosen in die Hand geben.

Ich habe bis heute noch nicht ganz begriffen, was uns diese Tradition eigentlich sagen will. Daß Vatersein im Bollerwagenziehen und Saufen besteht? Daß das Los eines Vaters ein so schweres ist, daß es nur mit jeder Menge Alkohol zu ertragen ist? Daß die wahre Heimat eines Vaters im Rudel Gleichgesinnter liegt? Daß die eigene Familie in Wirklichkeit zum Weglaufen ist?
Zu Recht weist der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht (ISUV) anläßlich des diesjährigen Vatertags darauf hin, dass Kinder nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater brauchen: „Es geht nicht ohne Vater. Entwicklungspsychologische Studien belegen, die Autorität des Vaters hat entscheidende Bedeutung für die Entwicklung von Orientierungs- und Leistungsfähigkeit der Kinder, insbesondere der Söhne.“
Zumindest für mich gilt aber auch umgekehrt: Ich brauche meine Kinder. Ich brauche auch meine Frau. Deshalb ist mein Vatertag ein Familientag, an dem ich zusammen mit meiner Familie etwas unternehme. Nicht nur, weil sie das wollen, sondern auch, weil es für mich das Schönste ist, was man an einem Feiertag tun kann.

Um mit Bier und Bollerwagen loszuziehen, müsste ich schon sehr, sehr einsam sein.