Spahns Notfallversorgung – wenn Kompetenzmangel Gesundheit gefährdet

20180411 PM Mieruch Kompetenzmangel im Gesundheitswesen

Berlin, 11.04.2018. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat kürzlich im ZDF die Entscheidung der Regierungskoalition verteidigt, dass zukünftig rund 600 kleine Kliniken keine Notfallversorgung mehr anbieten werden. Grund dafür sei, so Spahn im Mittagsmagazin, „die Sicherstellung einer besseren Versorgung der Patienten, da größere Kliniken besser ausgestattet seien“.

Dazu Mario Mieruch (Blaue Partei), Mitglied des Deutschen Bundestages:

„600 Kliniken bundesweit sollen keine Notfallversorgung mehr anbieten, gleichzeitig aber die flächendeckende Versorgung aufrechterhalten? Das neue Konzept ist schon auf den ersten Blick nicht schlüssig und wirft die Frage nach der grundsätzlichen Kompetenz der Handelnden auf. Der offensichtliche Aktionismus legt dazu die Vermutung nahe, es solle von den wirklichen Problemen eines von der Politik schon viel zu lange vernachlässigten Themas abgelenkt werden.

Laut Spahn sollen zur Qualitätssicherung Kompetenzen in Fachzentren gebündelt werden. Damit unterstellt er indirekt, diese Qualität sei bisher nicht vorhanden gewesen. Als Beispiel führt er ausgerechnet an, dass Kliniken, die nur zweimal pro Jahr einen Schlaganfall behandeln müssten, damit gar nicht richtig umgehen könnten.

Offenbar kennt der neue Minister die Ergebnisse aus der Gesundheitsberichterstattung des Bundes nicht – ein Blick ins Deutsche Ärzteblatt hätte allerdings auch gereicht. Demnach erleiden ca. 1,8 Millionen Erwachsene in der Bundesrepublik mindestens einmal im Leben einen Schlaganfall. In der entsprechenden flächendeckenden Akutversorgung ist Deutschland europaweit führend. Woran es jedoch mangelt, ist die adäquate Nachversorgung. Heißt im Klartext: Fast jede Klinik ist heute in der Lage, einen Schlaganfall nicht nur zu erkennen, sondern auch eine qualitativ hochwertige Erstversorgung zu leisten.

Ähnlich qualifiziert äußert sich Spahn zur seiner Meinung nach zu hohen und damit nicht erforderlichen Krankenhausdichte in Städten. Kleine Krankenhäuser in der Nähe größerer Kliniken bilden jedoch seit Jahren eine gelungene Symbiose, indem sie Kapazitätsengpässe abfedern, Nachbehandlungen übernehmen oder sich bereits auf bestimmte Kompetenzen spezialisiert haben, die dann in Abstimmung mit den größeren Häusern gezielt abgerufen werden. Die Darstellung, nahezu jeder biete alles an, ist schlichtweg falsch, denn für eine ganze Reihe von Fachgebieten bedarf es dezidierter Voraussetzungen.

Spahns Zentrumsidee gefährdet diese kleinen Häuser. Und sie lässt viel zu viele Fragen offen: Was passiert beim Wegfall der Notfallversorgung mit dem Pflegepersonal, den festangestellten Ärzten oder den in Ausbildung befindlichen Assistenzärzten? Wer behält seinen Job, wer muss sich zusätzlich aufs Pendeln einstellen? Welches Fachzentrum ist dann wie weit weg und wer entscheidet überhaupt, in welches davon der Patient verlegt wird? Was passiert mit dem Patienten, wenn, wie es schon heute immer wieder vorkommt, keine Notfallbetten mehr vorhanden sind und die Klinik den Patienten ablehnen muss? Und wie weit müssen künftig Angehörige fahren, um ihre Familienmitglieder besuchen zu können?

Spahn, der wie ich ebenfalls aus dem Münsterland kommt, hat augenscheinlich in Berlin vergessen, dass in unserer ländlichen Region aufgrund weiter Wege bereits heute immer öfter der Hubschrauber und nicht der Krankenwagen zum Einsatz kommt.

Unsere Gesundheit bedarf Kompetenz und Erfahrung. Wir haben nur die eine!“