Die Inflation guter Noten lässt die Beurteilungen immer schwerer werden

Alexander Langguth, MdL Landtag NRW:

Ein Durchschnittswert gibt, wie der Name schon sagt, den Wert an, den eine untersuchte Gruppe erreicht, wenn man sämtliche Einzelwerte (oder zumindest die einer repräsentativen Auswahl) misst, addiert und sie anschließend durch die Anzahl der Teilnehmer/Objekte dividiert. Der Durchschnittswert steigt oder sinkt also mit Zu- oder Abnahme des durchschnittlichen Wertes, den ich messen möchte und ist nicht für alle Zeiten festgelegt.

Das gilt natürlich auch für den IQ: Wer hier den exakten Mittelwert der Referenzgruppe erreicht, liegt automatisch bei 100 – völlig unabhängig übrigens davon, ob der Durchschnittswert sich auf die Bewohner eines ganzen Landes oder eine bestimmte Untergruppe, wie z.B. die Schüler eines Bundeslandes oder die Abgeordneten des Bundestags, bezieht. Insofern sollte man im zweiten Schritt noch zwischen absolutem und relativem Durchschnittswert differenzieren. Wenn zu einer Gruppe, deren absoluter IQ bei 100 liegt, eine ebenso große Gruppe hinzutritt, deren absoluter IQ bei 80 liegt, liegt der absolute IQ der Gesamtgruppe somit zwar bei 90, der relative aber wieder bei beruhigenden 100. (So funktioniert Statistik. Sie hat was – je nach Perspektive – wundervoll oder erschreckend Manipulatives.) Daneben lässt sich die angeborene intellektuelle Begabung speziell bei Kindern (ein Stück weit) aber durchaus noch fördern. Idealerweise setzt man dieses Mittel bei allen Kindern an; wenn die finanziellen Mittel knapp werden, muss man entsprechende Prioritäten setzen.

Man könnte dann entweder vorrangig die Begabten fördern, mit dem Argument, daß sie es sein werden, die das Land als künftige Leistungsträger konkurrenzfähig halten oder die Minderbegabten, weil man der Ansicht ist (oder vorgibt, der Ansicht zu sein), dass alle Menschen nicht nur gleichwertig, sondern vollkommen gleich sind. Damit gäbe es keine Minderbegabten mehr, sondern bloß noch Mindergeförderte. Problematisch wird die letzte Option allerdings dann, wenn die Minderbegabten/-geförderten in vergleichsweise kurzer Zeit massiv zunehmen; dann bleibt eigentlich nur, Leistungsanforderungen und Durchschnittsnoten dem neuen relativen Durchschnitts-IQ anzugleichen, um der Realität mithilfe der Statistik ein letztes ideologisches Schnippchen zu schlagen.

Dies scheint in der letzten Zeit bundesweit zunehmend geschehen zu sein; Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes kritisiert eine „Inflation an guten Noten“, die es zunehmend erschwere, ‚echte‘ Einser-Abis von politisch gewollten zu unterscheiden. Wer sich nun im alten und neuen Kabinett der „GroKo“, aber auch den Riegen derer, die z.B. hier in NRW tonangebend waren, als die Messlatten unter dem Kampfspruch „Kein Kind zurücklassen“ drastisch gesenkt wurden, könnte auf den Gedanken kommen, dass nicht nur Inkompetenz und geballte Unfähigkeit bei Entscheidungen dieser Art eine Rolle spielen, sondern dass ungebildete Herrscher aus naheliegenden Gründen nie erklärte Freunde von Bildung bzw. gebildeten Untertanen waren, sind oder je sein werden. Welcher „Regent“ will schon dümmer sein als das gemeine Fußvolk? Und der satte, zufriedene, gebildete Mensch tendiert schlechterdings zu eigenständigem Denken und entsprechender Urteilsfähigkeit. Das macht das Herrschen mitunter äußerst unbequem; schon Reinhard May sang daher einst treffend: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, ich halt sie arm.“

In Zeiten, da Macht und Einflussnahme der Kirchen – selbstverschuldet- bröckeln, muss die Regierung im Zweifel eben beide Jobs übernehmen; letztlich hängen Bildungsmangel und materielle Armut ja wenigstens eng zusammen.