„Zeit für Gerechtigkeit“

Mit diesem Slogan zog Martin Schulz mit seiner SPD in den vergangenen Bundestagswahlkampf. Übrig geblieben ist davon nicht viel. Die Abschaffung des Solidaritätsbeitrages und die schrittweise Anhebung des Kindergeldes um 25 Euro tragen zur Gerechtigkeit nicht nennenswert bei. Da hilft auch wenig, dass man sich in Berlin darauf einigte zumindest bis 2025 eine „Obergrenze“ von 20% als maximalen Rentenbeitrag festzuschreiben, während das Rentenniveau nicht unter 48% des Nettoverdienstes – vor Steuerabzug wohlgemerkt – fallen dürfe.

Nach wie vor ist der sogenannte Mittelstand die tragende Säule unseres Landes und nach wie vor ist es auch der Mittelstand, der bei allem kräftig zur Kasse gebeten wird. „Schon bei Geringverdienern geht ein zusätzlich verdienter Euro zu einem Großteil an den Staat, weil die Steuersätze schnell und stark ansteigen und mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland in den Spitzensteuersatz rutschen“, kritisiert etwa der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Michael Hüther. Wer mit seinem Einkommen über einer bestimmten Freigrenze liegt, „muss von einem zusätzlichen Euro rund 70 Cent an den Fiskus abführen.“ so Hüther weiter.

Der Begriff „Spitzensteuersatz“ ist hier mehr als irreführend. Schon ab einem Jahreseinkommen von 52.000 Euro brutto wird der sogenannte Spitzensteuersatz in Höhe von 42% fällig. Dieses Jahreseinkommen liegt jedoch nur um das 1,3-fache höher als das durchschnittliche deutsche Vollzeiteinkommen. Zum Vergleich: 1960 musste man zum Erreichen des Spitzensteuersatzes noch das 18-fache des Vollzeitdurchschnitts verdienen, das entspräche einem heutigen Jahreseinkommen in Höhe von 720.000 Euro.
(Durchschnittliches Jahresbrutto 1960 ca 3.000 Euro / 2017 ca. 35.000 Euro | Quelle: IW Köln Gutachten von April 2017)!

Mehr Gerechtigkeit würde die künftige Regierung erreichen, wenn sie die Leistungsträger unseres Landes nicht als Melkkuh sondern als Motor unseres Staates sieht. Es ist nicht ungerecht mehr zu verdienen, wenn man mehr leistet, aber es ist sehr wohl ungerecht diese Mehrleistung steuerlich über jegliches Augenmaß hinaus zu sanktionieren.

https://www.welt.de/wirtschaft/article173176692/Steuerplaene-Union-und-SPD-verprellen-die-gesellschaftliche-Mitte.html